Computerspiele sind gut

Hat ein paar Jahrzehnte gedauert, aber immerhin – wie es scheint, wachsen die Massenmedien über die Meinungsdiktatur Pfeifferscher Provenienz hinaus und wagen es, Computerspiele nicht mehr ausschließlich als Menetekel zu deuten, das auf den Untergang westlicher Kultur hinweist. Stattdessen lassen sich in Spielen positive Aspekte entdecken.

Dem Spiegel ist das in der Ausgabe 3/2014 sogar – tadaa! – eine Titelgeschichte wert mit dem für die deutsche Medienlandschaft durchaus überraschenden Titel „Spielen macht klug“. Insgesamt 8 nicht durch Printanzeigen unterbrochene Seiten gehen zunächst runter wie Honig, loben sie doch Spiele über den Klee (kennen die meisten heute wohl nicht mehr, ist so grünes Zeug, kann für Honig verwendet werden, ist analog).

Normalerweise ist man ja gewohnt, von Computerspielen nur dann zu hören, wenn sie brutal und bluttriefend daher kommen (Zu Doom 3 meinte die Süddeutsche: „Dieses Spiel ist widerwärtig. Und es ist brutal. Doch ist dieses Spiel nicht widerwärtig, weil es brutal ist. Es ist brutal, weil es so widerwärtig ist.“ – haha, da hat jemand lange geschliffen), gerade so, als gäbe es keine anderen Spiele als nur Ballerspiele. Und zu dem lange Zeit allgegenwärtigen Kriminologen Christian Pfeiffer muß man ja nichts sagen, da google man selber. Immerhin klüger, aber genau so negativ und einseitig argumentiert Manfred Spitzer, aber da lohnt es sich immerhin, die betreffenden Bücher zu lesen. Aus eigener Erfahrung mit Galileo/Pro 7 weiß ich, daß positive Bemerkungen über Spiele einschließlich Ballerspiele gegen die geballte Kompetenz eines Herrn Pfeiffer natürlich nicht ankommen kann.

Umso angenehmer war die Überraschung, die der aktuelle Spiegel bot. Da wird doch tatsächlich nur positiv über Computerspiele gesprochen. McGonigal, eine flippige Game Designerin, die mit ihrer überaus positiven Botschaft durch die Welt tingelt, darf den Reigen der Lobeshymnen eröffnen. Dann folgen Candy Crush, das profitable free2play-Geschäftsmodell, ein bißchen Gewalt-in-Spielen-was-aber-neuerdings-ungefährlich-ist – Debatte und besonders ausführlich Serious Games im erfolgreichen Kampf gegen Krebs (doch, ist ernst gemeint) sowie als neue Unterrichtsmethode. Garniert wird das Ganze mit Screenshots aus diversen Spielen, die nicht unbedingt etwas mit dem konkreten Artikel zu tun haben, aber irgendwie hübsch daherkommen.

Ja, meine Wortwahl und Aufzählung lässt eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Artikel vermuten, der recht willkürlich zusammen gestöpselt erscheint und plötzlich in die Gegenrichtung desen umschlägt, was man sonst an Berichtterstattung gewohnt ist. Der einzige rote Faden ist die frohe Botschaft oder besser noch Aufforderung „Du sollst spielen!“, weil es nützlich ist. Schön, freut mich, und insofern begrüße ich den Artikel. Noch schöner wäre es, wenn nun ein bißchen Umdenken in der Öffentlichkeit angesagt wäre und man anfangen würde, nüchterner (aber nicht zwangsläufig kritiklos) mit Computerspielen umgehen könnte. Und vielleicht bieten Spiele ja noch mehr als nur einen gewissen Nutzeneffekt. Aber möglicherweise ist ja nun ein Anfang gemacht, mal abwarten.

Mindestens genau so überrascht bin ich allerdings über die Debatte, die der Artikel unter Bloggern ausgelöst hat. Nein, diesmal geht es nicht um die Bewahrer deutscher Moral und Kultur, die vor einer Verharmlosung eines gefährlichen technischen Dingsbums‘ warnen. Stattdessen äußern sich eigentlich kluge Köpfe, die sich tatsächlich mit Spielen auskennen und die selber spielen, also den Gegenstand ihrer Betrachtung aus persönlicher Anschauung kennen. Und der Tenor der Debatte scheint recht negativ – Leute, ist es denn so verwerflich, wenn endlich mal ein Magazin mit großer Reichweite positiv über Computerspiele berichtet? Nobody is perfect, aber anstatt an den Lücken des Berichts herum zu mäkeln wäre es vielleicht sinnvoller, dies als potentiellen Beginn einer Debatte zu begreifen, die Spiele im öffentlichen Bewußtsein aus der Schmuddelecke herausnehmen könnte. Ja, stimmt, es geht ausschließlich um den Nutzenaspekt (ist man heutzutage doch leider schon gewohnt, man schaue nur die Focus-Titel an), aber das ist allemal besser als die unfundierte Kritik der Kulturbewahrer, für die das Teufelszeug „Computerspiel“ auf den Scheiterhaufen gehört – Spiele sind da bestenfalls Zeiträuber, schlimmstenfalls Drogen und Gewaltauslöser.

Einige Blogs zum Artikel: plassmag, videogametourism, ORF und besonders lesenswert superlevel.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Game Design, Medien abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s