Krise bei Crytek?

Anscheinend steckt Crytek, das deutsche Vorzeigeunternehmen in Sachen Spieleentwicklung, in einer tiefen Krise.

Bereits am 21.06. meldete ein kostenpflichtiger Infodienst von GameStar über massive Probleme bei Crytek. Insbesondere behauptete der Artikel, Crytek habe u.a. aufgrund schlechter Verkaufszahlen bei Ryse sowie des schleppenden Geschäfts mit dem F2P Warface vor dem Aus gestanden. Es sei zu einer verzögerten oder gar nicht erfolgten Auszahlung von Gehältern an Mitarbeiter gekommen. Das Unternehmen habe sich um frisches Geld bemüht.

Mal davon abgesehen, daß es nicht gut ankam, daß man für diese Info bei GameStar zusätzlich löhnen muß, war doch bei vielen die Überraschung groß. Crytek dementierte  nach einigem Schweigen, aber die Gerüchte blieben, ja verdichteten sich noch.

Tatsache jedenfalls ist, daß die Gehälter mindestens in der Londoner Dependance mit deutlicher Verzögerung ausbezahlt wurden. Anfang Juli legten wohl an die 100 Mitarbeiter ihre Arbeit nieder, einige haben mittlerweile auch schon das Unternehmen verlassen, darunter Hasit Zale, Chef des Entwicklerteams, das Homefront 2 realisieren sollte.

Deep Silver wurde Interesse an Crytek nachgesagt, mittlerweile soll sogar Sony prüfen, wie profitabel Crytek noch ist und ob es in das eigene Portfolio passt.

In der insgesamt verfahrenen Situation spielen eine ganze Reihe von Punkten eine Rolle:

–          Der Support von Crytek scheint optimierfähig zu sein, sprich: nicht jeder, der professionelle Hilfe benötigt, erhält diese auch in der gewünschten Zeit in der notwendigen Qualität (um es mal etwas kryptisch zu formulieren). Das ist nicht gerade gute Werbung.

–          Trotz der unbestreitbar vorhandenen Qualitäten der Cry-Engine insbesondere im Bereich Rendering (immer noch unerreicht!) gelang es noch nicht einmal ansatzweise, die Engine in einem mit der Konkurrenz etwa von Epic vergleichbaren Ausmaß in den Markt zu bringen. Während also Epic alleine aufgrund der Lizenzeinnahmen wirtschaftlich passabel dasteht, bleibt Crytek auf die Entwicklung eigener Spiele angewiesen. Böse auch, daß Epic dieses Jahr auf ein Abomodell umschwenkte, was bei € 19/Monat nur dann tragen kann, wenn genügend Abonennten existieren. Cry stellte ebenfalls auf dieses Modell um, wobei aber fraglich bleibt, ob die notwendige Masse an Abonennten gewonnen werden kann.

–          Die strategische Ausrichtung weg von (sehr aufwändig zu entwickelnden) AAA-Titeln rund um die Marke Crysis hin zu qualitativ weniger anspruchsvollen F2P-Titeln wie Warface und das weitgehend unbekannte The Collectables scheint nicht wirklich geglückt zu sein. Die Ankündigung von Cevat Yerli 2012, mittelfristig ausschließlich auf diesen Markt zu setzen, kam für passionierte Gamer überraschend. Die Marke Crytek war so untrennbar mit qualitativ hochwertigen Produkten verknüpft, daß F2P demgegenüber wie Ramsch aussah und unter der Würde von Crytek zu liegen schien.

–          Ryse erfüllte die in diesen Titel gesteckten Erwartungen nicht, die Entwicklung verlief partiell offenbar chaotisch. Und über den Nachfolger konnte man mit Microsoft keine Einigung erzielen, da Crytek an den Markenrechten festhalten wollte. Vielleicht wäre es klüger gewesen, diese an Microsoft zu geben – dann zumindest gäbe es eine Finanzierung für die Entwicklung dieses Titels, was dem Unternehmen sicher einige Luft verschafft hätte. Die offensichtliche Hoffnung, Ryse zu einer zweiten Marke wie Crysis aufbauen zu können, steht ohnehin aufgrund der zu geringen Verkaufszahlen auf wackligem Boden. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, sagt schon der Volksmund. Möglicherweise hat Crytek aufgrund einer möglichen Schieflage des Unternehmens schlicht zu hoch gepokert und verloren.

–          Die Stimmung in einzelnen Niederlassungen sank kontinuierlich (wenn auch verschieden, je nach Standort); dem Management wird eine gewisse Arroganz nachgesagt, der Erfolg der Cry-Engine ist so manchem wohl zu Kopf gestiegen. Mag sein, daß ein gewisser Neid von anderen eine Rolle spielt, aber jedenfalls wird diese Arroganz recht oft erwähnt.

–          Vielleicht, weil man selbst nicht so wirklich an den Erfolg von F2P glauben wollte, behielt Crytek alle Mitarbeiter an Bord (mittlerweile wohl an die 800), was einerseits löblich ist – heutzutage ist der Mitarbeiter ja aus Arbeitgebersicht normalerweise nur noch ein Asset (auf Deutsch: Dreck, den man wegkippen kann, wenn man Lust hat). Andererseits aber bedeutet das in einer Schieflage eine enorme finanzielle Belastung. Hoffte man, den einen oder anderen Deal abschließen zu können (insbes. Ryse 2), ohne in der Öffentlichkeit zweifelsohne als Warnsignal wahrgenommene Entlassungen vornehmen zu müssen? Oder ist das Unternehmen bereits dermaßen aus dem Ruder gelaufen, daß ganz oben an der Spitze bzw. beim verantwortlichen Management der Überblick verloren gegangen ist?

Einen gewissen Einblick in die Stimmung unter den Mitarbeitern bietet glassdoor. So mancher Kommentar klingt ausgesprochen ernüchternd.

In finanzieller Hinsicht scheinen die Gerüchte ebenfalls nicht völlig aus der Luft gegriffen, jedenfalls weisen die Bilanzen des Unternehmens für 2011 und 2012 Fehlbeträge von über 8 sowie über 9 Mio € aus, was nicht wirklich Gutes verheisst.

Es wäre eine echte Schande, ginge Crytek, dem wir Meilensteine wie FarCry und Crysis verdanken, über den Jordan! Sieht schlecht aus, aber die Hoffnung (in diesem Fall nur noch ein Hoffnungleinchen) stirbt bekanntlich zuletzt.

 

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